Masche für Masche: Ein Teppich des Widerstands

Masche für Masche: Ein Teppich des Widerstands

Ich sitze mit einer Gruppe von Frauen zusammen. Wir knüpfen. Masche für Masche entsteht ein roter Teppich für die Demo am 8. März, dem feministischen Kampftag. Jede Masche steht für eine Frau, die von einem Mann ermordet wurde. Wenn ich meine Hände über die dicken Knoten gleiten lasse, fühlt sich das anders an, als bloße Zahlen im Internet zu lesen.

Das Kunstprojekt “Sangre de mi Sangre” (Blut meines Blutes) stammt aus Mexiko. Durch das gemeinsame knüpfen wächst nicht nur ein Teppich, sondern ein Ausdruck des Widerstands, eine Geste der Solidarität mit den Betroffenen und ihren Familien.
Wir sitzen, knüpfen und reden. Über die düsteren Zeiten, die mit den jüngsten Wahlergebnissen auch hier in Deutschland angebrochen sind. Wir knüpfen und schütteln den Kopf, fassungslos. Wie konnte es so weit kommen? Haben wir nicht genug gekämpft? Waren wir zu bequem?

Maria, eine Frau aus Mexiko, erzählt ihre Geschichte. Wie sie als Kind von ihrem Onkel missbraucht wurde. Heute sagt sie, das habe sie zu der Kämpferin für Gerechtigkeit gemacht, die sie heute ist. Sie spricht von den Demonstrationen in Mexiko am 8. März. Davon, dass die Straßen in der Nacht zuvor abgeriegelt werden, weil Frauen an diesem Tag als Bedrohung gelten. Weil sie mit all ihrer Wut über die Ungerechtigkeit auf die Straße gehen, weil sie sich nichts gefallen lassen, weil sie da sind, gerüstet für den Kampf gegen das System. 

Ich höre zu – und plötzlich verstehe ich. Meine letzten Demos am 8. März waren mehr Party als Protest. Ein Tag mit Freundinnen, ein Glas Sekt, ein paar Snacks. Zusammen auf die Demo gehen, guter Laune. Da wurde mir mit einem mal klar: ICH war zu bequem. Ich habe den Ernst der Lage nicht verstanden. Hatte die Idee, dass sich doch alles ganz gut entwickelt aus meiner privilegiert - deutschen Perspektive. Es geht um etwas und zwar um alles. Um unsere Rechte, die wieder zur Verhandlung stehen. Um Freiheiten, die wir als sicher geglaubt haben. Doch nichts ist sicher. Nicht unsere Selbstbestimmung, nicht unsere Freiheit. 

Wir knüpfen weiter. Jede Masche ein Schicksal. Mit jeder Masche wächst in mir der Widerstand. Wut flammt auf – aber auch die Entschlossenheit. Ich blicke in die Runde und sehe dasselbe in den Gesichtern der anderen. Wir sind hier. Wir sind was - wir sind viele. Wir werden kämpfen. Aufgeben ist keine Option.
Es tut gut, zusammenzukommen. Allein verliere ich manchmal den Glauben, doch gemeinsam fühlt es sich anders an. Die Kraft jeder Einzelnen zu spüren, gemeinsam in Bewegung zu kommen – das gibt Hoffnung.

Maria erzählt weiter. Von Frauen, die spurlos verschwinden. Von ihren Namen, die an Hauswänden stehen. Von Müttern, die jahrelang auf Antworten warten. Von einer Gesellschaft, die sich daran gewöhnt hat, dass Frauenleben weniger wert sind.
Ich denke an unser Land. An all die Zahlen, die ich gelesen habe. Sie haben mich empört – aber nicht wirklich in der tiefe getroffen. Jetzt tun sie es. Jetzt haben sie Gesichter. Geschichten. Leben.
Was können wir tun? Was kann ich tun? Die Maschen laufen durch meine Hände, fester, bewusster. Wir knüpfen nicht nur einen Teppich – wir knüpfen ein Netz. Ein Netz aus Solidarität, Erinnerung, Widerstand.
Und ich schwöre mir: Ich werde nicht mehr wegsehen. Ich werde nicht nur am 8. März auf die Straße gehen und dann weitermachen wie zuvor.
Diesmal bleibt die Wut. Diesmal bleibt die Bewegung.

Ich rufe euch auf, die Augen nicht mehr zu verschließen. Seht hin! Seht, in welcher Welt wir leben – eine Welt, in der Männer über unsere Körper, unsere Rechte, unsere Zukunft entscheiden. Eine Welt, in der wir tagtäglich Gewalt, Unterdrückung und Ungerechtigkeit ausgesetzt sind. Eine Welt, in der Frauen sterben, weil sie Frauen sind.
Ich rufe euch auf, am 08. März auf die Straße zu gehen! Mit all eurer Wut, all eurer Kraft, all eurer Entschlossenheit. Wir sind nicht machtlos. Wir sind nicht alleine. Und wir werden nicht schweigen!
Es geht um unser Leben, unsere Rechte, unsere Freiheit und das unserer Schwestern, weltweit.  

 

 

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